Zuhause im Netz

Das Internet wird ja gern zum Dämon ­der Neuzeit erklärt. Die Informationen seien unzuverlässig, es lenke zu viel ab und mache einsam. Dabei hat es in­zwi­­schen bewiesen, dass es das Zeug zum trauten Heim hat. Es ist für viele Alltag geworden, Leben und Internet zu verschränken. Und das ist längst keine Sache von einsamen Freaks mehr. Drei Geschich­ten vom digitalen Glück

Protokolle: Astrid Herbold
Fotos: Gudrun Haggenmüller


 

Felix Schwenzel (43), wohnhaft in: Wirres.net

Felix Schwenzel 284x300 Zuhause im Netz Gudrun HaggenmüllerWenn man sich das Smartphone in den Unterarm reinoperieren lassen könnte und das das Akku-  Problem lösen würde – ich würd’s machen.« Felix Schwenzel meint das nur halb im Scherz. 43 Jahre ist er alt, aber seit gefühlten 100 Jahren im Internet. Neben Berlin, wo er arbeitet, und Hamburg, wo seine Familie lebt, ist es seine dritte Heimat. Dank Smartphone muss er sie mittlerweile nie mehr verlassen. Schon deshalb ist Technikangst nicht sein Thema. Noch leistungsstärkere Geräte, noch mehr mobile Vernetzung? »Ich bin erst mal auf alles neugierig.«
Seine Bildschirmkarriere beginnt ganz klassisch, mit zwölf kauft er sich den ersten Computer, es folgt die übliche C64-Jugend. Die dazugehörigen Klischees passen alle. »Ich war schüchtern, tat mich schwer mit sozialen Kontakten, hab mich nach Anerkennung gesehnt«, sagt der große, bärtige Mann heute.
Und dann ist da auf einmal das Internet. Als er 1995 in Stuttgart mit dem Architekturstudium beginnt, ist er zum ersten Mal  drin. Kurz darauf hat er schon eine eigene Homepage. »Da habe ich vor allem Witze draufgeschrieben.« Dass seine Texte theoretisch von der ganzen Welt gelesen werden können, fasziniert ihn unglaublich. »Klar hatte ich einen Darstellungsdrang«, sagt er. Auch dass der bis heute anhält, leugnet er nicht.
Schon während des Studiums grün­det er mit Kommilitonen eine Firma, sie bauen Messestände und Webseiten. Das mit den Web­seiten macht er bis heute, damit verdient er sein Geld. Vielleicht liegt es an seinem architektonischen Blick, dass er das Netz dabei haptisch wahrnimmt. »Ich mag Sei­ten, die sich klar und schlank anfühlen.«
Und das Internet eröffnet Felix noch eine weitere Dimension: die Sprache. Aus Briefen an Freunde werden digitale Rundmails, aus Rundmails Blogeinträge. Das Private ins Netz zu tragen, »meine Flanken zu öffnen«, wie er es nennt, davor scheut er sich nicht. Als sich seine beste Freundin mit 22 Jahren umbringt, hat er das Bedürfnis, das schreibend zu verarbeiten. Bewusst entscheidet er sich gegen das Tagebuch und für die digitale Öffentlichkeit. »Auch wenn es mir ein bisschen peinlich war, aber ich musste das loswerden.« Für seine Offenheit bekommt er viel Zuspruch. Freunde und Fremde sprechen ihn an, sagen, wie sehr seine Worte sie berührt und ihnen geholfen hätten.
Vielleicht muss man um diese frühen Schlüssel- erlebnisse wissen, um die euphorische Haltung von Felix Schwenzel zu verstehen. Kritisch gegenüber einzelnen Phänomenen des Internets könne man schon sein, meint er, aber er selbst bleibe einfach ein hemmungsloser Optimist. »Ich weiß, dass es Leute gibt, deren Hobby es ist, andere zu verletzen, aber ich habe es eben noch nie erlebt.« Dabei hat er sich in den letzten Jahren keineswegs eine glänzende digitale Fassade zugelegt, sondern kokettiert offen mit seinen Unzulänglichkeiten. »Felix Schwenzel leidet unter milder Adipositas und ist völlig unfähig, Vorträge zu halten, vorzulesen oder zu moderieren«, witzelt er im Internet über sich selbst.
Trotzdem: Mit den privaten Geschichten ist er heute zurückhaltender, über seine Frau und seinen Stiefsohn schreibt er selten. Zwar bespielt er immer noch zahlreiche Kanäle von Instagram über Flickr bis Twitter, aber wenn er seine Meinung sagt, dann  haupt-sächlich zu Netz- und Medienthemen. Mit anderen Protagonisten dieser Szene ist er befreundet, man trifft sich zum Biertrinken, liest und kommentiert sich gegenseitig. »Natürlich ist das eine Blase«, sagt er, »wir sind über die Jahre zusammengewachsen und gemeinsam älter geworden.« Es ist der Teil des Internets, in dem sich Felix Schwenzel häuslich eingerichtet hat, mit anderen Zirkeln hat er eher wenig am Hut.
Entsprechend selektiv verläuft auch sein täglicher Spaziergang durchs Netz. Felix verfolgt Dutzen­de Newsseiten, Blogs und Bookmark-Services. Früher sei er ein exzessiver Zeitungsleser gewesen, jetzt eben digitaler News-Junkie. »Gleich nach dem Aufstehen über­fliege ich alles, was neu reingekommen ist.« Im Laufe des Tages liest er so viel wie möglich und empfiehlt selbst weiter. »Ich liebe die Autonomie, die mir das Netz ermöglicht. Aber auch die Interaktion.«
Im Haus seiner Eltern stehen derweil noch die Relikte einer Kindheit ohne Internet: Ordner mit Zeitungsartikeln, die Felix schon damals akribisch gesammelt hat. »Das war doch eine schlimme Zeit«, meint er, »als man Texte noch ausschneiden und auf­kleben musste, oder?« Es ist ein Scherz, aber wieder nur ein halber.

Gero Nagel (21), wohnhaft in: Zweifeln.org

Gero Nagel 284x300 Zuhause im Netz Gudrun HaggenmüllerBitte nicht so früh, hatte er am Telefon gesagt. Elf, zwölf Uhr wäre okay, da sei er wach. Am verabredeten Tag steht ein schlaksiger junger Mann mit halblangen Haaren in der Tür, draußen strahlt die Frühlingssonne, im Flur der Hinterhofwohnung ist es ziemlich dunkel. Er weist gleich den Weg in ein kleines WG-Zimmer. Viel ist da nicht zu sehen: Schrank, Hochbett, Schreibtisch, Studentenbude halt.  
Also doch lieber raus. Gero Nagel wohnt am Boxhagener Platz, mitten im lebhaftesten Teil von Berlin-Friedrichshain. Mittlerweile ist er hier wieder öfter unterwegs, manchmal liegt er auch mit einem Buch im Park. Aber es gab schon andere Zeiten. Zeiten, in denen er sich komplett zurückzog zu Hause. Gero, das muss man vielleicht dazusagen, ist kein normaler Internetnutzer. Er ist Internetverteidiger. Mit Leib und Seele und manchmal ohne Rücksicht auf das eigene innere Gleichgewicht.
In die Wiege gelegt wurde ihm die Netzliebe nicht. »Ich komme aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, mitten aus dem Nichts.« 1500 Einwohner und bis heute kein ordentliches Inter­net, sagt er. Trotzdem kommt er früh mit der Nerdkultur in Kontakt, allerdings nur über Umwege. »Bei uns konnte man gerade noch den Sender Fritz empfangen, da lief jeden letzten Mittwoch im Monat das ›Chaos Radio‹.« Die Sendung des Chaos Computer Club, in der es um Tech­nik und Gesellschaft geht, habe er immer ge-hört, das sei wie ein Lebenselixier für ihn gewesen, erinnert er sich.
Dass ihn das Netz so richtig gepackt hat, merkt er ausgerechnet in Australien, wo er nach dem Abitur 2009 mehrere Monate verbringt. »Alles war superschön, Sommer, Sonne, Strand, aber ich saß drinnen in einem Schnellrestaurant, weil es da kostenloses WLAN gab.«  Es ist die Zeit der »Zensursula«-Debatte, Ursula von der Leyen fordert Netzsperren gegen Kinderpornographie, spontan formiert sich in Deutsch­land eine gewaltige Protestwelle. Löschen statt sperren!, fordert sie. Außerdem dürfe der Staat unter keinen Umständen eine Infrastruktur für Internet­sperren schaffen.
Auch Gero ist wie elektrisiert. Zurück in Deutschland geht er nach Bielefeld, arbeitet beim Verein   FœBuD, der die Demonstration »Freiheit statt Angst« organisiert. Monatelang sitzen sie im Büro, recherchieren, mobilisieren. »Es ging ja darum, die Welt zu retten. Oder mindestens das Internet.« Das Internet. Für Gero ist das mehr als YouTube, Facebook oder iTunes. »Es geht um die theoretischen Möglichkeiten.« Deshalb kämpft er gegen alle, die diese Möglichkeiten beschneiden wollen. »Die freie Architektur des Netzes zerstören«, sagt er, »das fühlt sich für mich so an, als würde man das Sprechen verbieten wollen.«
Trotzdem ist die Zeit in Bielefeld irgendwann vorbei, Gero zieht erst nach Freiburg, dann nach Berlin, wo er ein Mathematik- und Informatikstudium beginnt. Die Nächte aber gehören weiterhin dem Aktivismus. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung (der natürlich gegen die Vorratsdatenspeicherung plädiert), hat zu dem Thema etliche Mailinglisten abonniert. »Da muss man schon sehr viel lesen, um den Überblick zu behalten.« Zur Entspannung chattet er, schaut bei seinen Lieblingsblogs vorbei. »Wenn’s gut läuft, dann geh ich ins Bett, bevor die Sonne aufgeht.«
Schlafmangel ist trotzdem nicht sein Hauptproblem, es ist eher der Widerspruch zwischen dem schwerfälligen, verschulten Universitätsbetrieb und den sich immer schneller drehenden Themen der Netzpolitik, der ihn fertigmacht. »Als Google im Frühling die personalisierte Suche eingeführt hat, bin ich richtig durchgedreht.« Dabei ging es nur um eine Anpassung des Algorithmus, Google integriert seitdem in seine Suchergebnisse auch Hinweise, die von Freunden oder Bekannten des jeweiligen Suchenden kommen. Für Gero ist das der Tropfen, der alles zum Überlaufen bringt. Auf dem Weg zur Uni erscheint ihm alles sinnlos, warum noch studieren, warum Java lernen, »wenn doch Google gerade das Internet kaputt macht«? Total reingesteigert habe er sich, »ich war von Grund auf zornig«.
 Heute erzählt Gero ruhig und reflektiert von dieser Zeit, man kann sich kaum vorstellen, dass die große Krise erst ein paar Monate her ist. Schließlich ist es eine gute Freundin, die ihn wieder auf den Boden holt. »Du musst das alles nicht machen«, sagt sie zu ihm, »und wenn du mal drei Wochen den Rechner nicht anmachst, dann ist das auch egal.« Gero weiß inzwischen, dass sie recht hat. Seitdem hat er seine Online-Zeiten reduziert, trifft sich wieder öfter mit Freunden. Und er denkt viel nach, auch über die Auswirkungen der neuen Kommunikationsmöglichkeiten. Früher seien Diskussionen zeitlich und ört­lich begrenzt gewesen, jetzt reißen die Diskursströme nicht mehr ab, Tag und Nacht wälzen sie sich dahin. »Es klingt so banal, aber ab und zu muss man da einfach mal raustreten, mal runterkommen. Das Netz«, sagt er, »ist kein Lebensraum. Es ist eine Lebenserweiterung, ein Add-on zum richtigen Leben. Aber kein Ersatz dafür.«
Wie es jetzt weitergeht, weiß Gero noch nicht so recht. In Freiburg hatte er Philosophie und Kognitionswissenschaften studiert, vielleicht setzt er da noch mal an. Oder eher was in Richtung Politik. Das Internet jedenfalls wird immer einen großen Platz in seinem Leben einnehmen, schon wegen der vielen Freunde, die er dort hat. »Ich verbringe manchmal wunderschöne Abende bei Twitter oder in Chaträumen.« Wenn er dann ins Bett geht, sagt Gero, hätte er das Gefühl, er sei auf einer super Party gewesen. »Dabei saß ich die ganze Zeit nur am Rechner.«

Patricia Cammarata (37), wohnhaft in: DasNuf.de

Patricia Cammarata 284x300 Zuhause im Netz Gudrun HaggenmüllerSie wollte nicht erkannt werden, sich nicht zuordnen lassen. Deshalb: DasNuf. DasNuf heißt in Wirk­lichkeit Patricia Cammarata, an ihre ersten Schritte im Netz kann sie sich genau erinnern: »1997, als ich anfing zu chatten, da waren alle Nicknames, die mir einfielen, schon weg.« Suchend fällt ihr Blick damals auf eine Dub-CD neben ihrem Rechner, Nonplace Urban Field steht da, das kürzt sie ab zu NUF und setzt noch ein Das davor. Fertig ist die Zwitteridentität.
Ursprünglich sind es vor allem Geschichten rund um ihr Leben, die Patricia ins Netz schreibt. »Ich war Single, neu in Berlin, beruflich und privat auf der Suche.« Das Internet ist ihr Ventil, ihr Rückzugsort, es hilft gegen Einsamkeit und lange Abende in der fremden Stadt.  »Ich habe mich damals relativ alleine gefühlt.« Bis zu drei Texte am Tag veröffentlicht sie auf ihrer Webseite, außerdem verbringt sie viel Zeit in Chaträumen. »Das war eine eigene kleine Welt, die man sich da aufbauen konnte.« Dem Sog aus Nähe und Sicherheitsabstand, aus Anonymität und intensiven Unterhaltungen kann sie sich nur schwer entziehen. Einmal verliebt sie sich in einen, der sich »HaareinseinerNase« nennt.
Das Spiel mit den Andeutungen und Auslassungen mag die Diplompsychologin bis heute. Und sie zieht scharfe Grenzen, was sie veröffentlicht und was nicht. Ihre Leser lässt sie zum Beispiel gerne ein wenig darüber im Unklaren, wann und wie oft sie schwan­ger war. Namen, Alter oder Fotos ihrer drei Kinder sind sowieso tabu. Genauso wie brühwarm weiter­erzählte Anekdoten vom Abendbrottisch. »Mei­ne Texte sind zwar im Kern autobiografisch, aber ich spitze zu, ich lasse aus, ich mische und verfremde.« Das wiederum müsse wohl an den italienischen Genen liegen. »Meine Oma ist auch eine ganz große Geschichtenerzählerin.«
Die Frau, die das sagt, wirkt gar nicht italienisch überschwänglich. Freundlich, aber eher zurückhaltend sitzt sie vor ihrem Latte macchiato, spricht ruhig und nachdenklich. Auf den ersten Blick eine typische Mittdreißigerin, mitten im Spagat zwischen Job und Familienleben, zwischen IT-Projektleiterin und Spielplatz-Mama. Trotzdem: DasNuf ist immer dabei. Es steckt in dem Smartphone, das Patricia in der Hand hält. »Mein Kollege im Büro lästert immer, dass mir das Ding dort vermutlich bald festwächst.«  
Die Zeit für ihr Onlineleben zwackt sich die berufstätige Mutter morgens und abends ab. »Ich bin vom Typ eher eine Lerche, wenn mich etwas beschäftigt, dann stehe ich um fünf Uhr auf.« Bis dann der Familien- und Arbeitsalltag beginnt, hat DasNuf oft schon formuliert, kommentiert, gelesen und reagiert. Tagsüber verfolgt sie das Geschehen im Netz nur mit einem Auge, »aber abends bin ich noch mal richtig aktiv. Und am Wochenende.«
Dem Familienfrieden haben Mamas ausdauernde Internetaktivitäten bislang nicht geschadet. »Im Gegenteil, es hat uns eigentlich eher gutgetan«, sagt sie. »Es ist ja mein einziges Hobby, sonst mache ich nichts.« Kein Yoga, keine Woh­nung deko­rieren. Von ihrem Mann wird Patricias Leidenschaft voll mitgetra­gen. »Ich habe sogar das Gefühl, erst dadurch sind wir wirk­lich in einer gleichberech- tigten Situation.« Bei ihnen gilt nicht: sie ein bisschen berufs­tä­tig, er ganz. Statt­dessen gibt es in der Familie Cam­marata feste Zeiten, in de­nen Papa für die Kinder zuständig ist und Mama »im Internet arbeitet«.
Mittlerweile ist sie damit bekannt geworden, knapp 1000 Leute klicken täglich auf ihre Seite, 2500 folgen ihr auf Twitter. Das liegt vor allem an ihrem unvergleichlichen Ton, der süffisant und spitz, oft brüllend komisch, aber dabei im Kern immer warm­herzig ist. Das sei keine konstruierte Figur, sagt sie, »ich hatte schon immer den Hang, am Ende das Gute zu sehen«.  Egal, ob sie über Familie oder Technik, über Politik oder Internet schreibt: Empörung oder Wut sind nicht ihre vordringlichsten Schreibmotive. »Ich lasse vieles lieber erst mal sacken.« Persönliches verarbeitet sie manchmal erst Jahre später. »Wenn man es dann schon wieder mit Humor nehmen kann.«
Glücklich habe sie das Internet gemacht, sagt sie, vor allem der Austausch mit den Lesern. Letztes Jahr hat sie sich deshalb endlich dazu entschlossen, der eigenen Uneindeutigkeit ein Ende zu machen. Seitdem hat DasNuf ein offizielles Impressum, seitdem steht Patricia Cammarata zu ihrer Parallelexistenz. Ein Schritt, vor dem sie sich lange gescheut hat. Warum? »Ich glaube, Bloggen ist was für introvertierte Extrovertierte.« So wie sie? Sie lächelt nur.  ■

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