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  LITERATUR AKTUELL
 

Thema des Monats
Von Brüchen & Untergängen

Jörg Magenau über seine Woche mit Uwe Tellkamps Roman »Der Turm«

 
Ich gebe zu: Ohne Schlüsselbeinbruch und Krankenhausaufenthalt hätte ich den »Turm«, dieses Trumm, nicht gelesen. Jedenfalls nicht mehr als 100 Seiten. Diese endlose Familienfeier! Dieses ornamentale Wortgepluster! Diese Beschreibungs­wut, die doch zu nichts als Unübersichtlichkeit führt! Was für eine Qual.
Ich lag im Bett, konnte das schwere Buch kaum halten, aus der Schulter ragte ein Schlauch, aus dem Blut in ein Fläschchen tropfte, und vielleicht hatte ich auch noch unter den Folgen der Narkose zu leiden. Ob ich deshalb immer wieder einschlief? Oder ob es an Sätzen lag wie diesem: »Über die Dächer der tieferliegenden Häuser, die zur Grundstraße hin stark abfielen, glitt der Schein des Eismonds, ließ die Firste erglänzen und gab den verschneiten Gärten pudrige Aufhellungen, die an den Grenzen, weiß erhöht hier und da von einzeln stehenden, schneebedeckten Holzstapeln oder Schuppen, mit den Schatten verschmolzen, die Sträucher und Bäume warfen.« Menschen, die Tho­mas Mann lesen und impressionistische Gemälde im Wohnzimmer aufhängen, finden so etwas schön. Mir aber fiel das Buch aus der Hand.
Doch im Lauf der Tage, während ich mich kräftigte, fesselte mich dieses seltsam spröde, gedehnte und selbstgefällige Erzählen immer mehr. Eine der Hauptfiguren ist Chirurg und arbeitet im Kranken­haus. Das passte zu meiner Lage, war jedenfalls in­teressanter als der Sat.1-Nachmittags-Trash, den mein Bettnachbar reglos verfolgte. Das Buch wurde mir zur schmerzlindernden Droge. Als ich wieder zu Hause war, musste ich es unbedingt zu Ende lesen und tat eine Woche lang nichts anderes. Doch wie schafft man das ohne Schlüsselbein­fraktur? Es könnte sein, dass »Der Turm« das am meisten ungelesene Buch des Jahres sein wird.
Die Begeisterung der Kritiker ist einhellig. Ich teile sie. Und doch muss die Frage erlaubt sein, was diesen exorbitanten Erfolg begründet. In der »Welt« wurden die »klar antikommunistische« Haltung und die »schneidende Verachtung für das Proleten- und Kleinbürgertum« gerühmt. »Der Turm« sei der »ul­timative Roman über die DDR, diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden, und zwar aus der Sicht derer, die nicht eine Sekunde da­ran zweifelten, dass sie dagegen waren«. Das ist schon deshalb Quatsch, weil Christian, der jugendliche Held, schließlich – nach Verhaftung, Knast und Zwangsarbeit im Karbidwerk und Braun­kohle­tagebau – zu einem erstaunlichen Einver­ständnis mit seiner Lage und diesem haltlosen Staat gelangt. Und das Dresdner Bildungsbürgertum wird eben nicht als Unschuld im Abseits beschrieben, sondern mit all seinen Illusionen, Abhängigkeiten und Feig­heiten. Bildung schützt vor Mitläufertum nicht. Auch diese Lesart erlaubt der Roman.
Je weiter der Erzählraum sich öffnet und die en­ge Welt des Villenviertels verlässt, umso besser wird es. Die Figuren, die Tellkamp zeichnet, sind eher schwach, und das macht sie so interessant: Chris­tian, der Schüler und spätere NVA-Soldat, ist so hochmütig-arrogant wie verklemmt und verpickelt. Sein Vater, der Chirurg, ist ein notorischer Frauen­jäger und Lügner. Und Onkel Meno, der Intel­lektuelle, ist ein opportunistischer Schleicher, der verblasene Texte schreibt. Frauen kommen auch vor, aber mit denen kann Tellkamp nur wenig an­fangen. Sie bleiben eher blass. Tellkamps DDR ist eine Männerwelt.
Das Bürgertum ist immer dann am prächtigsten, wenn es untergeht. Eigentlich ging es ja immer schon unter, in Manns »Buddenbrooks« wie in Tellkamps »Turm«. Dazwischen liegen hundert Jah­re, doch stilistisch merkt man nichts davon.
Draußen in der Welt mit ihren Krisen und Börsen­crashs haben die Bürger auch nichts mehr zu bestellen. Vielleicht ist »Der Turm« weniger DDR-Endzeit-Roman als das Buch zum aktuellen Un­tergang. Das Bürgertum in seiner morbiden Pracht lädt ein zur Identifikation. Abschotten von Krise und Gesell­schaft würden wir uns heute ja auch gerne. Nur dass wir nicht in so schönen, alten Häusern wohnen. Ich hatte nur ein Krankenhausbett. Der Rest war Lek­türe.
 
  Über den Autor
  Jörg Magenau hat die Literaturseiten des Magazins in seiner Obhut. Er ist Autor der von Rowohlt verlegten Martin-Walser- und der bei Kindler erschienenen Christa-Wolf-Biographie.
Seine journalistischen Stationen: Freitag, Wochenpost, taz, Berliner Seiten.
 
 
  Empfehlung
  Erfundene Reise
Dieses Buch ist erstunken und erlogen. Literatur darf das, denn die Lüge gehört zu ihren Existenzbedingungen. Der Ich-Erzähler soll den übervitalen Großvater auf einer Chinareise begleiten, die ihm die Enkel zum Geburtstag schenken. Weil er das dafür vorgesehene Geld im Casino verspielt und mit dem Großvater gar nicht so lange unterwegs sein will, versteckt er sich stattdessen zu Hause unterm Schreibtisch. Von dort aus erfindet er die Reise in langen, schönen Briefen an die Geschwister. Kompliziert wird die Sache, als er erfährt, der Großvater sei im Westerwald gestorben. Wie lässt sich dieses Faktum in die Reiseerzählung integrieren? Wie lässt man den realen Großvater elegant verschwinden? Tilman Rammstedt hat einen Abenteuerroman aus dem Reich der Phantasie geschrieben: witzig, dynamisch und voller Überraschungen.ckend.

Tilman Rammstedt
»Der Kaiser von China«
DuMont
17,90 Euro

 


 
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