Liebeserklärung (Heft 01/2013)

Jetzt liegst du neben mir, so wie im­mer, so tief im Schlaf, so lange schon, dass ich dich bald nicht mehr empfinde. Du bist mehr ich als ich, weil ich mich immer mal vergesse, deinetwegen. In normalen und in beschissenen Zeiten bist du mein Hauptaufreger. Ich kann mir die Platze ärgern über Schuhe im Flur, über Ge­schirr, das du falsch einsortierst. Du regst mich auf. Ich halte dir einiges vor und Stand­pauken, und du änderst dich nicht. Das regt mich auf. Mich regt aber auch dein Körper auf, der alte, welke Blumenstrauß, den du mir blü­hend vor 60 Jahren zur Verfügung gestellt hast. Was war das für ein herrlicher Körper, ein riesengroßer Körper, mit dem du mir alle Falten aus dem Leib gebügelt hast. Jetzt hab ich sie doch – die Falten. Wir schlafen nicht mehr miteinander. Wir schlafen nebeneinander. Ich habe gerne mit dir geschlafen, die Kinder bekommen, Ge­räu­sche gemacht, die Brustwarzen hart zum Glasschneiden. Jetzt liegst du neben mir. Du schnarchst, wie mein Opa geschnarcht hat. Du schnarchst wie ein alter Mann. Du bist ein alter Mann. Wir haben romantisch nachgeplappert, was alle so sagten: dass wir zusammen alt werden wollen. Natürlich wollten wir nicht alt werden, abwarten, welche Funktionen als Nächstes ausfallen, den Körper warten wie ein altes Auto, die TÜV-Plakette vom Arzt ho­len. Immer mit der mehrfachen Ermah­nung, genug zu trinken, nur noch ausge­trock­nete Frucht. Wir wollten nicht alt werden, aber da wir mussten, dann wenigs-tens zusammen. Zum Trost morgens am pigmentierten Faltenüberwurf des Liebsten ziehen und sagen: »Da wächst du noch rein« oder die Gebisse in Weinbrand legen über Nacht und sich morgens angrinsen. Es ist nicht romantisch am Ende. Kein Schau­kelstuhl. Kein Dackel. Zusammen sind wir ein funktionierender Mensch, weil bei jedem andere Organe ausgestiegen sind. »Tschüss, ich geh«, sagt die Niere. »Ich bleib noch’n bisschen«, sagt das Herz. Lass uns noch ein bisschen bleiben, mein Herz, mein Mann. Lass uns einen Rock’n’­Roll-Tod sterben. Bis zum bitteren Ende, mit Rollstuhl und wundgelegen. Du bist mein Mann. Ich habe es von An­fang an gewusst – du bist mein Mann. Du hast ein bisschen länger gebraucht, aber ich hatte zu viele Liebesfilme gesehen, um aufzugeben.

 

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