»Mit dir wird es nie was«

… das ist ein Satz, den Eltern sagen oder Lehrer. Später Chefs oder müde Liebhaber. Für Else Buschheuer ist der Zweifel der Schattenmann des Lebens. Wie damit um­gehen? Auch davon erzählt sie in ihrem neuen Buch, einem ungewöhnlichen Ratgeber

Text: Else Buschheuer

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DIE AUTORIN

Sie war Sabine Knoll aus Eilenburg an der Elbe, studierte Bibliothekswissenschaften, änderte ihren Namen, wurde Reporterin, Wetterfee im Fernsehen, schrieb Romane, ging nach New York, dann in ein Hindu-Kloster. Inzwischen moderiert sie im MDR und RBB das Kinomagazin »Royal«. Eine kurvenreiche Biografie, die zu viel Reife und Souveränität führte, was man in ihrem neuen Buch nachlesen kann. Lebensklug, lehrreich, vergnüglich ermuntert Else Buschheuer alle, bloß nicht das zu machen, was von einem erwartet wird. »Verrückt bleiben! Mein Leitfaden für freie Radikale« erscheint am 20. Februar; Aufbau Verlag, 14,99 Euro [/frame]

Leseprobe

Warum sollten wir Abitur machen, studieren, promovieren, ansparen, heiraten, zwei­mal im Jahr in den Urlaub fliegen, Kin­der kriegen, den Kindern auch nichts Neu­es sagen können, alles genauso machen wie die anderen? Die Vernünftigen? Wer ist das: die Eltern, die Lehrer, die Kirche, der Staat? Das Erwachsen­werden scheint untrennbar verbunden mit dem Vernünftigwerden, immerhin ist der Mensch ein sogenanntes ver­nunft­begabtes Tier. Aber ist ein Tier nicht auch wild und unberechenbar? Wo endet Vernunft, wo fängt sie an? Gibt der Klügere wirklich nach? Ist, wer nachgibt, im Umkehrschluss gleichsam der Klüge­re? Oder begründet dieser Mist­spruch, wie Marie von Ebner-Eschenbach vermutet, die Welt­herr­schaft der Dummheit?

Das Lieblingsmärchen meiner Kindheit war »Schnurzel das Neinchen« von Friedrich Wolf. Es handelte von einer Hasenfamilie namens Dreibein. Der Vater hieß Paolo Dreibein, die Mutter Purzel. Der Sohn des Hauses war ein geborener Trotzkopf. Er sagte immer: »Mir ist alles schnurzwurzpiepe.« Deswegen wurde er Schnurzel genannt. Wann immer er etwas tun sollte, sagte er einfach nein, also bekam er den Beinamen »das Neinchen«. Schnurzel das Neinchen wurde oft bestraft, aber wenn er dann gefragt wurde: »Wirst du in Zukunft gehorchen?«, dann sagte er: »Nein!« Die Mutter lernt, mit ihrem Kind umzugehen, indem sie immer das Gegenteil von dem fordert, was sie eigentlich will. Sie über­listet ihn – dahin der Widerstand.
In jedem von uns steckt ein Verweigerer. Wir haben Angst vor diesem und jenem, wir haben keine Lust, Hemmungen, Vorbehalte. Was also tun? Wir haben das klare Nein verlernt, wir suchen Ausflüchte und Ausreden, wir deckeln und schwindeln, wir lavieren, täuschen Unpässlichkeiten vor, besorgen uns Atteste oder haben keine Zeit, wir sind 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in windige Vermeidungsstrategien verstrickt, dabei ist es so leicht: JUST! SAY! NO!

In Quentin Tarantinos Film »Inglourious Bas­terds« gibt es einen deutschen Soldaten, der sich,   als er von der amerikanischen Nazi-Jäger-Einheit ge­fangen genommen wird, nicht ergibt. Er wird aufgefordert, seine Einheit und die Lagepläne zu verraten, antwortet aber mit den Worten: »Ich weigere mich ergebenst« und zieht den Tod durch den Base­ballschläger des »Bären-Juden« vor. Tarantino zeigt hier Tapferkeit, über die er sich nicht lustig macht. In der Verweigurung des Soldaten liegt Würde, obwohl er zu den Bösen gehört, obwohl er gleich erschlagen wird wie ein Hund.
Herman Melvilles erste Novelle handelt von einem Mann namens Bartleby. Dieser Bartleby, ein Angestellter an der Wall Street, der Abschriften anfertigt, ein sogenannter Schreiber, ist so etwas wie der geistige Vater des Wehrdienstverweigerers, des Nichtwählers, des Nicht-Arbeit-suchenden-Arbeitsuchenden. Er hat seine persönliche Antwort auf alles gefunden. »Ich möchte lieber nicht«, sagt er. »I would prefer not to.«
Auf eine faszinierende Art und Weise scheint Bartleby mit sich im Reinen zu sein. Er ist nicht mehr und nicht weniger als ein nutzloser Knecht. Und doch trägt er einen Sieg davon, auch wenn es ein einsamer Sieg ist. Sein Widerstand ist der eines mit Moos bewachsenen Steins. Vielleicht hat er herausgefunden, dass alles keinen Sinn hat, wir erfahren es nicht. Bartleby führt die ihm aufgetragenen Arbeiten nicht aus. Er gibt keine Auskunft über seine Motive. Sein Widerstand ist entwaffnend statt bewaffnet. Sein Stoizismus rührt an und macht ratlos:
ICH MÖCHTE LIEBER NICHT.
Er ist auch noch höflich dabei, höflich, aber unbeirrbar. Es handelt sich nicht um ein Nein, das eigentlich ein Ja ist. Er möchte tatsächlich lieber nicht: sich überreden lassen, sich einschüchtern lassen, sich bitten lassen, sich einlullen lassen. Er möchte nicht nachgeben, nicht klein beigeben, nicht vortäuschen. Er will mit allen Sinnen bei sich bleiben. Vielleicht ist es ja auch viel simpler, und er hat keine Lust. Was immer sein Antrieb ist, wo immer das hinführt, er tut es – nicht.
Kipphardts Romanfigur März ist langjähriger Patient in einer psychiatrischen Anstalt und soll zur Arbeitstherapie gebracht werden. »Möchten Sie töpfern, Körbe flechten oder in die Weih­nachts­figuren-Stanzerei?«, fragt ihn der Oberpfleger. »Ich möchte lieber gar nicht«, sagt März und blickt auf die körbeflechtenden Patienten im Raum. ­»Wa­rum?«, fragt der Arzt. »Das sehen Sie doch selbst«, sagt März.
Lernen Sie ihn  kennen, den Luxus des Nein­sagens. Nein ist ein machtvolles Wort. Und so kurz. Nur vier Buchstaben! Bringen Sie den Mut auf, sich zu verweigern, egal, wer da vor Ihnen steht, egal, wer was von Ihnen fordert. Es gibt so unendlich viel zu verweigern. Sex. Aussage. Nahrungsaufnahme. Zustimmung.

Wollen wir uns duzen? – Nein.
Darf ich noch mit reinkommen? – Nein.
Gefällt dir mein Buch? – Nein.
Kommst du Weihnachten? – Nein.
Willst du mich heiraten? – Nein, verdammt! What part of no don’t you understand?

Der Mensch, auch der tatkräftige, kann nicht jeden Tag einen tanzenden Stern gebären. Er hat nicht immer diesen Jahr­hun­dertatem, mit dem er Ozeane leer pusten kann. An manchen Tagen atmet der Mensch flach, kaum hörbar: ein und aus, ein und aus. Er steckt mit dem Kopf im Mond und kriegt schlichtweg keine Luft. Er befindet sich, wie Kipphardts März es sagen würde, »im Zustand des Leerlaufs auf vollen Tou­ren«. Er ist voll, viel zu voll von allem, und er ist erschöpft, der Welt abhandengekommen. Lebt er noch, ist er schon tot? Das sind die Momente totaler Ausbremsung, sie fühlen sich an, als wollte man gegen den Wind pinkeln. Manchmal kommt es ganz plötzlich. Rilke be­schreibt diesen Zustand in »Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge«, seinem einzigen Ro­man: »Heute habe ich es nicht erwartet, ich bin so mutig ausgegangen, als wäre das das Natür­lichste und Einfachste. Und doch, es war wieder etwas da, das mich nahm wie Papier, mich zusammenknüllte und fortwarf, es war etwas Unerhörtes da.« So fühlt man sich, zusammengeknüllt und fortgeworfen.
Dann klopft der Zweifel an, der große Schat­ten­mann, das nagende, pochende Tier, der letzte B­e­such, den man auf der Welt haben will. Der Zweifel hat die Stimme der Mutter. Er sagt: »Mit dir wird es nie was.«
Der Zweifel, vor allem der Selbstzweifel, macht uns hässlich und klein. Auch die Größten von uns macht er hässlich und klein. Wir stellen alles, was wir sind, in Frage. Kennen Sie die Geschichte von dem Mann mit dem langen Bart? Jemand fragt ihn, ob er den Bart beim Schlafen über die Bettdecke legt oder drunter. Von dem Tag an kann der Mann nicht mehr schlafen.
Der Vierschanzenkönig Sven Hannawald war am Ende seiner Karriere so von Selbstzweifeln geplagt, dass er nicht mehr springen konnte. So geht das. Wenn man eine eigene Fähigkeit in Frage stellt, ist sie plötzlich weg. Yehudi Menuhin fragte sich als junger Mann einmal, warum er so spiele, wie er instinktiv spielt – und konnte für einige Zeit gar nicht mehr spielen. Stellen Sie sich solche Fra­gen nicht in Zeiten der Not.
Es regnet draußen, irgendwo schreit ein Kind, irgendwo jault ein Hund. Ein Nachbar bohrt mit einer Schlagbohrmaschine direkt ins Hirn. Eine Grippe ist im Anmarsch, die Rechnungen stapeln sich, man weiß nicht, wie es weitergeht, man weiß nicht mal, ob es weitergeht. Man kann es nur ma­chen wie die anonymen Alkoholiker: One step at a time. Einen Fuß vor den anderen setzen, anstatt in der Tiefe des Tals über den Sinn des Lebens nachzugrübeln. Beschränken Sie sich auf die naheliegenden Fragen: Wo sind die Taschentücher? Ist genug Essen im Haus? Ganz platte Lebensbewälti­gungs­maßnahmen: die Hose nicht zu eng, die Wurst auch ohne Brot, auf keinen Fall in den Spiegel sehen, niemandem die Tür öffnen.
Ein frischer Schlafanzug wirkt manchmal Wun­der. Legen Sie eine DVD ein, nichts Neues, lieber einen vertrauten Film, über den Sie lachen oder wenigstens müde lächeln können. Für mich wäre das »Zur Sache, Schätzchen«, der hilft mir immer. Der Film ist auf illusionslose Weise lustig, er ist intelligent, aber nicht oberschlau, er ist sexy, aber frei von Kitsch. Ein kleiner Film für kleine Tage. Jetzt suchen Sie die Lobeshymne heraus, die Sie vorbeugend (an einem überschwänglichen Tag) auf sich selbst geschrieben haben. Da steht drin, wie einzigartig Sie sind, wie extrem gutaussehend, wie klug. Da steht auch drin, wie viel Sie im Leben gemeistert haben und wie stolz Sie auf sich sein können. Hilft das nicht, öffnen Sie Ihren Glücks­koffer und lassen Sie die schönen Momente Ihres Lebens herausstrahlen. Ausnahmslos alle großen Fragen sollten auf morgen vertagt werden.

[frame align=“left“]buschheuer cover 174x300 »Mit dir wird es nie was«
»Verrückt bleiben!«
erscheint im Aufbau Verlag
und kostet 14,99 Euro.
[/frame] Große Fragen, das sind die, die sich immer dann anschleichen, wenn man selbst klitzeklein ist, so klein mit Hut. Krankheitsdiagnosen, Verlassungen, Entliebungen, Jobverluste, alles führt unweigerlich hin zu den großen Fragen, die in solchen Momen­ten wirklich niemand braucht:
»Gibt es Gott?«,  »… Gerechtigkeit?«, »… ein Le­ben nach dem Tod?« »Was ist das Nichts?« »Kann der Atomausstieg die Welt retten?« Und von all diesen Fragen ist letztlich die größte: »Was soll die ganze Scheiße eigentlich?«
Es ist haargenau diese Frage, die man in guten Momenten tausendfach beantworten könnte. Es hat ja alles einen Sinn, diesen und jenen. Die Blu­men blühen, die Sonne scheint, XY hat mich ange­lächelt, der Uwe, der liebt mich, so wie ich bin, und wenn   es Uwe nicht ist, dann ist es Erika oder Anika oder eben Gott, ganz egal. Aber genau diese kleinen, wun­dervollen und beschwichtigenden Antworten auf die ganz großen Fragen benötigt man gar nicht, wenn es einem gut geht, weil es einem ja gut geht, und dann stellt sich der Mensch nicht hin und fragt, was das alles soll. Er isst, er trinkt, er fährt in den Urlaub oder kauft sich einen Goldfisch. Ein Zip­felchen Glück – er hat es, aber er ist nicht dankbar, wem auch? Er schwimmt im Aquarium wie sein Goldfisch, er schwimmt mit seinem Goldfisch um die Wette, Fütterung und Tränkung sind gesichert. Er mampft sein Leben rein wie Fischfutter, einfach, weil er es kann.
»Think big«, hören wir immer. Visionen sollen wir haben, über den Tellerrand sollen wir schauen, uns Ziele stecken, unsere Träume leben, unserem Stern folgen, mit dem Herzen gut sehen, Strom sparen, Vollzeit arbeiten, uns vermehren – gut und schön, aber wie denn mit einem Gipsbein, mit einem Schnupfen, mit einem schlechten Befund?
Fangen Sie tausend Dinge an, die Sie auf unbetretene Pfade lenken, streifen Sie geistesabwesend durch die dunkel verhängte Wohnung, waschen Sie sich nicht, lassen Sie den Müll aus Tüten dampfen, dass es stinkt wie im Raubtierhaus, werfen Sie Knöchelchen und Gläser hinter sich, leeren Sie weder Briefkasten noch Mailbox, drehen Sie die Musik auf Maximum und lachen Sie dabei auf wie ein von der Welt vergessener Zombie.
Verschieben Sie die großen Fragen auf die gro­ßen Tage mit den großen Momenten, den großen Gefühlen und den großen Gedanken. Die kommen wieder. Meist kommen sie wieder. In Zeiten der Not muss man auf die eigenen Füße schauen. Man muss sich leer machen, dann wieder aufstehen, sich neu füllen. Seien Sie Ihr eigener Krisenbewälti­gungs­stab. Halten Sie weitreichende Entscheidungen von sich fern. Stecken Sie – vorübergehend – den Kopf in den Sand. Verschieben Sie die großen Fragen an kleinen Tagen. Die Faustregel dafür ist so griffig wie kurz: »Think small!«

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