Wohnen im Kleinformat

Text: Pia Volk

wohnen kleinformat camille Wohnen im Kleinformat wohnen kleinformat camille Im Karlsruher Institut für Technologie arbeitet Camille Hoff­mann als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Architek­tur­fakultät. Mit einem Kollegen hatte er dort vor drei Jahren das Projekt »Guerilla Housing« ausgeschrieben, denn in Karls­ruhe herrscht Wohnungsnotstand, wie in vielen anderen deutschen Studentenstädten auch. »Es ging dabei um das spontane Bewohnen von urbanen Räumen.« Der Vorschlag, der am Ende gebaut wurde, liegt nun auf dem Stück Grün vor Hoffmanns Werkstatt: eine ziemlich große Tonne, 2,50 Meter im Durchmesser, drei Meter lang. Zwei starke Männer könnten sie über die Wiese rollen. Darin kann man tatsächlich wohnen.

Sie zu beschreiben fällt schwer: Die Tonne ist ein Zylinder, der aus drei drehbaren Ringen besteht. Im ersten Ring sind nur Fenster, in asymmetrischer Abfolge. Im zweiten Ring sind Küche und Toi­let­te und im letzten Bett und Schreibtisch. Aber man kann jeweils nur eine der Funktionen nutzen. Wenn man also schläft, dann steht der Schreibtisch Kopf, und wenn man kocht, dann baumelt die Toilette über einem. Letztere ist frei drehbar aufgehängt, wie ein Fahrradpedal, und kann deshalb nicht auslaufen – leeren muss man sie allerdings selbst, wie die Toiletten in Campingwagen.

wohntonne Wohnen im Kleinformat C. Hoffmann Alles an dieser Tonne ist in Bewegung, die Tonne selbst und ihre einzelnen Teile. »Man muss sich auf so eine Art des Wohnens schon einlassen und mit Gewohnheiten brechen. Eine Wohnung, das sind eben nicht nur vier Wände und ein Dach drüber, eine Wohnung ist alles, was die Grundbedürfnisse von Essen, Schlafen und Schutz befriedigt.«
Camille Hoffmanns Gesicht sieht aus wie die Son­ne in Kinderbüchern, groß und rund, mit roten Bäckchen und einem freundlichen Lachen. Die blonden Haare stehen ihm strubbelig vom Kopf. Der 37-Jährige ist Zimmermann und Holzbau­in­ge­nieur, er sitzt in Arbeitshose und weißem Hemd auf der Terrasse seines Zuhauses – neben seiner Werk­­statt. Sein Zuhause ist ein alter Turm, der einst ein Trafohäuschen war.
Eigentlich würde niemand die kleine Fläche da­vor für eine Terrasse halten. Und niemand würde vermuten, dass man in dem Turm eine komplette Wohnung einrichten kann. Er misst nur 2,40 Me­ter auf 2,40 Meter Grundfläche, das ist so groß wie ein Badezimmer. Wie soll man auf so kleinem Raum bitte wohnen? »Die Nutzfläche ist gar nicht so klein«, sagt Camille. »Ich habe insgesamt 25 Qua­drat­me­ter, die sich auf mehrere Etagen verteilen.« Küche und Bad mitberechnet. Camille Hoff­mann findet das nicht wenig. Er hat ein Faible fürs Klein­format. Sein neuestes Projekt ist ein Zimmer, das sich zu­sam­menfaltet, Größe: 1,50 Meter auf 1,70 Meter.

Die erste Wohnumgebung in Mini, die er ge­baut hat, befand sich in einem alten VW-Bus, jenen mit den runden Schnauzen, die aussehen, als seien sie die großen Brüder der VW Käfer. Vor 15 Jahren war das. Damals wollte er mit dem Bus und ein paar Freunden nach Schweden, so günstig wie möglich, aber auch mit so viel Komfort wie möglich – und so machte er sich ans Werk. Mit Metallkonstruktionen, die man vom Bett zur Bank umbauen konnte, und Kisten, die sich als Tische nutzen ließen und die millimetergenau in bestimmte Ecken passten. Alles war nicht nur perfekt geplant, sondern auch multifunk­tional.
So ähnlich ist es auch in seinem Turm. Tritt man durch die schwere Metalltür mit dem Bull­auge in der Mitte, steht man mitten in der Küche. Der kleine Tisch an der Seite ist gleichzeitig Gar­de­robe, und an der Leiter, die zum Schlafzimmer und Wohn­be­reich führt, ist ein Tablett als Aufzug eingehängt. »Für das Bad musste ich ein Stück Wand zu meiner Werkstatt rausbrechen«, sagt Camille, »ein Bad kann man wirklich nicht auf so wenig Raum un­ter­­bringen.« Könnte man vermutlich schon, wenn man auf die Badewanne verzichtet hätte.

wohnen kleinformat turm 300x194 Wohnen im Kleinformat C. HoffmannEs ist auffallend leer im Turm, im Bad steht keine Armada von Shampoos und Duschgels, es gibt keine Schränke und kaum Ablageflächen für all den Krimskrams, den ein jeder so anhäuft. Sachen, die Camille Hoffmann ein Jahr lang nicht eines Blickes gewürdigt hat, landen im Müll. »Wir leben schon lange nicht mehr als Jäger und Sammler und sollten aufhören, so zu tun. Ich finde es sehr befreiend, mich von Dingen zu trennen.«
Vielleicht liegt es daran, dass er das oft getan hat. Hoffmann hat schon an diversen Orten gelebt, oft auf halben Baustellen. Er ist in einer alten Mühle aufgewachsen, die seine Eltern und eine Handvoll Kreativer gekauft und ausgebaut haben. Später hat er sich selbst eine solche Mühle gekauft und wiederhergestellt. Wohnen und Bauen passierten immer gleichzeitig. Für das Studium muss­te er nach Hildesheim und in die Schweiz ziehen, zum Arbeiten pendelt er nun 200 Kilometer nach Karlsruhe. In Ossenheim, wo er wohnt, gibt es keinen Bahnhof. Der nächste ist in Buchenbrück, von dort sind es 20 Minuten nach Frankfurt am Main.
Im Vergleich zur Tonne wirkt der Turm riesig. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive. Camille mag es, neue Blickwinkel einzunehmen. »Für mich ist Veränderung per se positiv. Das Ende kann man doch auch einfach mal offen lassen und zugeben, dass wir nicht wissen, was daraus wird.« So war es auch, als er anfing, den Turm auszubauen. Er hatte eine grobe Vorstellung, in welche Richtung es gehen sollte, passte sie aber immer wieder an. Als er zum Beispiel den Innen­putz abklopfte, fand er einen gemauerten Bogen aus Ziegelstein in der Wand im ersten Stock – da­hinter lag eine Dach­gau­be, die eigentlich zu seiner Werk­statt gehörte. Heute ist in dieser kleinen Gau­be Camilles Schlaf­zimmer, er hat einen Balkon da­vor­gebaut, und die alten Halterungen für die Strom­leitungen nutzt er, um eine Hängematte quer über sein Werkstatt­dach zu spannen. Alles sehr heimelig, minimalis­tisch, mit maximalem Komfort.

Nicht jedes von Camilles kleinformatigen Pro­jek­ten ist so. Mit seinen Studenten hat er vergan­genes Jahr neue Notzelte für Flüchtlingslager entworfen. »Die Bilder von Flüchtlingslagern sehen immer so trostlos aus. Diese endlose Reihe von Zel­ten hat nichts Wohnliches an sich. Wir  haben uns gefragt: Muss das so sein?« 

 

Weiterlesen in DAS MAGAZIN, Septemberausgabe 2012

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