Die neue Kochkollumne

Franz Wolfgang Koebner

Koebner (1886-1978) war 1924 in Berlin Mitbegründer des MAGAZINS, führte das Blatt bis Ende 1933 und wurde nach Inkrafttreten des Reichspressegesetzes wegen seiner »jüdischen Abstammung« entlassen. Nach Kriegsende versuchte er 1949/50 die Zeitschrift noch einmal in Stuttgart herauszugeben, das Remake scheiterte.
Was über den ersten MAGAZIN-Chefredakteur Franz Wolfgang Koebner erzählt wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich: Uneheliches Kind von Kaiser Wilhelm II., Liebhaber von Marlene Dietrich, jüdischer Journalist, der die Nazizeit als Revuemitarbeiter überstand-das sind die spektakulärsten Geschichten, von denen bisher niemand mit letzter Gewißheit sagen kann, ob sie stimmen.
Er selbst soll immer nur gelächelt haben, wenn es um sein wundersames Leben ging. »F.W.«, wie er in der Familie ausschließlich genannt wurde, hatte ein völlig gleichgültiges Verhältnis zu seiner eigenen Biographie«, sagt Thomas Koebner (62), Enkel aus erster Ehe, heute Professor für Filmwissenschaft an der Mainzer Gutenberg-Universität. Der Nachfahre weist darauf hin, daß es wenig Überlieferungen vom Großvater selbst gibt: »Er war ein seltsamer Mensch. Privat eher verschlossen, in öffentlicher Gesellschaft ein charmanter, hinreißender Mann.«

Zu den wenigen geklärten Dingen gehört, daß er 1886 in Berlin geboren wurde. Die Mutter ist Schauspielerin, der offizielle Vater Chefredakteur der Bismarck-freundlichen National-Zeitung. Die großbürgerliche Umgebung, das gesellige Leben seiner Eltern prägen ihn. F.W. wird ein junger Mann mit exzellenten Manieren, ein wunderbarer Tänzer, der auf keinem Ball, keinem Empfang der Hauptstadt fehlt. Er soll dem Kronprinz der Hohenzollern sehr ähnlich gesehen haben. Blond, hochgewachsen, blauäugig – das gab es weit und breit sonst nicht in der Koebner-Familie. Daher die Legende von der Affäre seiner Mutter mit Wilhelm II., dem sie tatsächlich hin und wieder begegnet sein soll. F.W. hat sie genährt, indem er sich sein Leben lang in allen Veröffentlichungen mit diesem Kürzel verewigte.
1912 gehört der 26jährige Koebner zu den Mitbegründern der »Eleganten Welt«, die zu einer der ersten modernen Frauen- und Modezeitschriften wird. Sie kommt optisch sehr viel großzügiger als alle bisherigen Blätter daher. Die Reportagefotografie wird gerade populär; die Journalisten wie die Illustratoren reagieren auf die Konkurrenz der Bilder mit mehr Prägnanz und Witz das alles macht das Heft schnell beliebt. Dazu Porträts berühmter Leute und vergnügliche Ratgebertexte, der Damen-Nachwuchs aus besserem Hause ist hingerissen. F.W. Koebner verdient mit dem Blatt richtig Geld. 1913 heiratet er die Sängerin Julia Nemeth, eine ungarische Jüdin, und wird das erste Mal Vater. Im gleichen Jahr erscheint Koebners „Tanz-Brevier“, für lange Zeit ein Standardwerk der Branche; bis heute gilt er als Erfinder des Begriffs »Tanzsport«, die ersten Turniertanzwettbewerbe hatten gerade stattgefunden. Der Erste Weltkrieg geht an ihm vorbei, warum, weiß heute keiner mehr genau zu sagen, auch nicht sein Enkel in Mainz.

Der aber kann sich noch vage daran erinnern, wie die MAGAZIN-Story zu Hause erzählt wurde. Im Frühsommer 1924 trifft F.W. in einem Berliner Café Robert Siodmak (24). Zuvor hatte sich Siodmak vergeblich als Schauspieler versucht, spekulierte an der Börse und wechselte dann erst einmal vorsichtshalber in einen sichereren Beruf er wurde Bankkaufmann. Sowohl Koebners als auch Siodmaks Eltern stammen aus Koeben bei Breslau und hatten immer ein wenig Kontakt miteinander. Siodmaks Vater, ein Unternehmer, der viel in den USA unterwegs war, brachte dem Sohn die neuen kleinen, lustigen Zeitschriften mit, die dort gerade populär wurden. Siodmak jr. fragt Koebner, den erfahrenen Blattmacher, ob sie das nicht auch in Deutschland versuchen sollten. Beide sind sich schnell einig. Robert Siodmak gründet den Verlag und wird Herausgeber, F.W. Koebner übernimmt die Chefredaktion.
Im Oktober 1924 startet DAS MAGAZIN. Schon in der dritten Ausgabe fehlt Siodmak im Impressum, er wechselt zum Film und bekommt nach seinem Überraschungserfolg »Menschen am Sonntag« 1929 einen UFA-Vertrag. Später emigriert er wie sein jüngerer Bruder Curt, der vor allem Drehbücher schreibt, über Paris nach Hollywood.
Koebner absolviert sein Doppelamt, Chefredakteur des MAGAZINs und der »Eleganten Welt«, mit Bravour. Die Auflage der neuen Zeitschrift steigt rasant, das Heft widmet sich mit Hingabe den neuen Massenvergnügungen von der Revue bis zum Film, setzt auf kuriose fotografische Momentaufnahmen, erzählt vom Leben der Prominenten und liefert Stil- und Lebensberatung der eher leichteren, ironischen Art. Dazu gibt’s Herz-Schmerz-Geschichten und von Anfang an Aktbilder, mal künstlerisch entrückt, mal sinnlich nah. Der moderne Frauentyp der 20er Jahre, extravagant, kultiviert, liebesfroh, hatte im MAGAZIN einen handtaschenfähigen Begleiter gefunden.

Eine Auflage von 220 000 Exemplaren meldete die Redaktion nach drei Jahren. Unter den Monatsheften war DAS MAGAZIN das erfolgreichste, kein Wunder, daß es bald kopiert wurde. Koebner resümierte stolz: »Wir haben einen Namen in die Welt gesetzt, den jetzt alle benutzen.« Das »Scherl-Magazin«, das »Kleine Magazin«, »Magazin für Alle« hießen einige der Nachahmer. 1925 folgte der »Uhu«. Der in der Pressegeschichte immer wieder gefeierte Ullstein-Titel brachte es auf 100 000 Exemplare, die ebenfalls vielgelobten »Querschnitt« und »Weltbühne« gerade mal auf jeweils 15 000. Deren anspruchsvolleres publizistisches Profil wurde weitgehend mit der Autorenelite der 20er Jahre bestritten. Auch im MAGAZIN traf man sie, allerdings dosierter: Hier ein Beitrag über den großen Theaterintendanten Max Reinhardt, dort Bilder der expressionistischen Fotografen Man Ray und Heinz Hajek-Halke und zwischendurch mal Texte von Alfred Polgar, Maxim Gorki, Walter Hasenclever.
»F.W. war nicht intellektuell, er haßte Kunst, die versuchte, die Welt zu erklären oder gar zu verbessern. Er liebte alles, was unterhaltsam war. Varieté, Bälle, Rennbahnen«, sagt sein Enkel Thomas Koebner und fügt hinzu: »Vor allem aber hatte er eine Leidenschaft für schöne Frauen.« Eine Affäre mit Camilla Horn, der Gretchen-Darstellerin im Murnau-Faust 1925, ist verbürgt, sie selbst hat sie in ihrer Autobiographie verewigt. 1927 holt er Marlene Dietrich, damals noch unbekannte Schauspielerin, für Fotoaufnahmen zum MAGAZIN. In den nächsten zwei Jahren erscheinen mindestens in sieben Ausgaben Porträts von ihr, mal in Revuepose, mal auf dem Diwan liegend in seidigen Strümpfen. Ein Bild am Strand mit ihrer Tochter zeigt sie ganz privat-der Fotograf: F.W. Koebner. Im Mai 1929 wird sie Titelmodell, 1930 dann mit dem Film »Der blaue Engel« über Nacht berühmt.
Hollywood ruft, nach ihrer Ankunft schreibt sie dem MAGAZIN umgehend, wie es ihr im Paradies unter der Sonne ergeht. »Es war nur eine seiner unzähligen Liebschaften«, resümiert der Nachfahre, der den alten Herrn noch heute als lässigen, redegewandten Gentleman beschreibt, der gern mit seinem Monokel hantierte und immer eine Flasche Whiskey oder Likör in der Nähe hatte.
Als Marlene Dietrich 1960 ihre erste große Deutschland-Tournee nach dem Krieg macht, holt F.W. sie in Düsseldorf – wo er inzwischen lebt – auf dem Flughafen ab, lädt sie zum Essen ein, zeigt ihr die Stadt. Diesmal ist nichts mehr leicht und schwerelos. Was sie noch einmal verbindet, ist die leise Melancholie des Alters. »Er fühlte sich als Greis und litt darunter, nicht mehr der bewunderte Liebling der Damenwelt zu sein.« In den glorreichen 20ern hätte er jeden Abend eine andere Frau haben können, soll er einem Kollegen mal erzählt haben.
1931 heiratet F.W. zum zweiten Mal, diesmal eine Tänzerin. Er organisiert die ersten nationalen Miss-Deutschland-Wahlen mit vielen angesehenen Künstlern und ist inmitten der prominenten Jury auf dem Gipfel des Erfolgs. Mit der Machtübernahme der Nazis muß er seinen Posten abgeben, seine jüdische Abstammung, die für ihn nie eine Rolle spielte, bedeutet Berufsverbot. Anfangs soll er noch hin und wieder unter Pseudonym geschrieben haben, dann holt ihn ein Freund an die Berliner »Scala«, ein Revuetheater. Als Teile des Ensembles nach der Schließung 1938 nach Spanien gingen, soll Koebner dabei gewesen sein. Eine andere Version lautet, daß er in Deutschland untergetaucht sei.
Es folgen mysteriöse Jahre, über die seine Verwandten wenig wissen. Seinen Sohn Hans aus erster Ehe vermittelt Koebner noch in die Propagandakompanie von Goebbels. Absurd? »Wenn es eine Chance gab zu überleben, dann in der Armee«, sagt Thomas Koebner, der Nachfahre der beiden.
Thomas wird 1941 in Berlin geboren. Seinen Großvater sieht er das erste Mal nach dem Krieg, als der Enkel mit dem Berliner Teil der Familie nach Süddeutschland kommt. F.W. Koebner, er lebt mit seiner zweiten Frau inzwischen in deren Heimatstadt Schwäbisch Hall, empfängt die Ex-Gattin und deren neuen Ehemann und hilft ihnen beim Neuanfang. Der stattliche Herr an der Seite von Julia Nemeth, Josef von Baky, ist von jener schillernden Art, wie sie Koebner liebt. Als Regisseur hat er 1943 »Münchhausen« gedreht, später kommt »Das doppelte Lottchen« dazu.
Doch Koebners Fürsorge für den Clan ist nur von kurzer Dauer, dann zieht er wieder los. Organisiert Modenschauen in Baden-Baden, stellt ein neues Revue-Ensemble zusammen und gibt 1949 in Stuttgart – nach dem Ende des Lizensierungsgesetzes der Allierten-seine zwei erfolgreichen Blätter DAS MAGAZIN und die »Elegante Welt« wieder heraus. Während die Neuauflage des MAGAZINS nach kurzer Zeit scheitert, findet die »Elegante Welt« erneut ihren Platz. Alsbald wird der Sitz der Redaktion nach Düsseldorf verlegt, dort erscheint sie unter Koebners Ägide weiter. 1970 fusioniert sie mit der »Madame«.
Franz Wolfgang Koebner stirbt 1978. Fast blind, läuft er bei Rot über die Straße und wird überfahren. Er hat nichts hinterlassen, keine Lebenserinnerungen, keine Briefe, keine Notizbücher. »Auf jede Frage nach seiner Biographie reagierte er mit seiner Tintenfischtaktik. Er fing an zu erzählen, verlor sich in Nebensächlichkeiten und nebelte einen mit unwichtigen Details ein.« Und so bleiben Thomas Koebner die verschiedensten Anekdoten von Familienfeiern. Zu denen gehört auch, daß der Großvater der Erfinder des UFA-Signets sein soll. Doch auch das ist nicht mehr aufklärbar. Die Rechtsnachfolger des alten Filmkonzerns kennen den Urheber nicht. Und so bleiben von Koebners Lebenswerk die gesammelten Bände seiner Zeitschriften, der Film »Mann ohne Herz«, den er 1923 drehte, sowie mindestens ein halbes Dutzend Bücher mit Titeln wie »Jazz und Shimmy«, »Gentleman« und »Tausend und eine Frau«.