Die neue Kochkollumne

Hilde Eisler

Sie war die Grand Dame des MAGAZINs zu DDR-Zeiten und darf in seiner Ahnengalerie nicht fehlen, zumal ihre Biographie praktisch das dramatische 20. Jahrhundert miterzählt.

Als galizisch-jüdische Kaufmannstochter geboren, wurde Hilde Eisler Buchhändlerin und schon sehr jung KPD-Mitglied. Zu Beginn der Nazizeit inhaftiert, folgt nach ihrer Entlassung die Ausweisung. 1935 emigriert sie über Paris in die USA. Ihr späterer Mann Gerhart Eisler, Bruder des Komponisten Hanns Eisler, leitet dort das amerikanische Büro der Kommunistischen Internationale, was ihn nach dem Krieg stark in Bedrängnis bringt. Die McCarthy-Behörden lassen ihn nicht ausreisen; der Grund: dringende Ermittlungen wegen „Spionageverdachts“. Hilde Eisler arbeitet derweil als Kindermädchen, um den Lebensunterhalt für die beiden zu verdienen.
1949 flieht Gerhart Eisler an Bord der „Batory“ über London nach Deutschland. Die düpierte US-Polizei verhaftet daraufhin die Ehefrau, um die Rückkehr ihres Mannes zu provozieren. Vergeblich. Nach sechs Wochen muß sie wieder freigelassen werden, es lag nichts gegen sie vor, die internationalen Proteste hatten den Fall längst zu einem Thema für die Presse gemacht. Vor ihrem Abflug gibt Hilde Eisler noch eine Erklärung ab, die die „New York Times“ am Tag darauf im Wortlaut druckt. Sie dankt zum einen für die Aufnahme als Emigrantin und kritisiert die Kriminalisierung durch McCarthy. Der Pilot, vom Reporterauflauf beeindruckt, läßt sich in der Maschine ein Autogramm von ihr geben Er hält sie für einen Filmstar. Die Heimreise geht über London, Kopenhagen nach Warschau. Dort empfangen sie offizielle Gesandte aus Ostberlin ihr Mann muß derweil eine wichtige Rede halten. Das Paar hat noch keine Wohnung und zieht vorerst beim ersten Staatspräsidenten Wilhelm Pieck und dessen Tochter ein.
In der SED-Führung gibt es um 1950 heftige Kontroversen zwischen den einstigen Exilantengruppen. Die Moskau-geprägten Genossen um Ulbricht setzen sich gegen die moderateren Leute durch, die in den USA, England oder Frankreich waren. Auch die Eislers geraten ins Abseits.
Nach dem 17. Juni wird der Bannspruch aufgehoben, Gerhart Eisler wird Rundfunkchef, Hilde Eisler Kulturredakteurin der neugegründeten „Wochenpost“ und kurz darauf stellvertretende Chefredakteurin des MAGAZINs. 1956 übernimmt sie das Blatt und führt es souverän durch die Zeiten. Hin und wieder gibt es von ihr im Heft politische Betrachtungen, ansonsten widmet sie sich der Literatur, besucht Modenschauen, mal in Paris, mal in Moskau, porträtiert Zeitgenossen, macht Prominenten-Umfragen à la „Was ist das Geheimnis einer guten Ehe?“ und kümmert sich um die illustre Autorenschar. Dazu gehört schnell die intellektuelle Elite der DDR von Stefan Heym über Anna Seghers bis Peter Hacks sowie ein großes Korrespondentennetz im Ausland. Oft stammten die Kontakte noch aus der Emigration, Hilde Eisler spricht fließend Französisch und Englisch.
Weltoffen, stilbewußt, hochgebildet, macht sie aus dem MAGAZIN eine anspruchsvolle Unterhaltungszeitschrift, die den leichten Ton pflegt und um vieles verspielter daherkommt als das gewöhnliche Presseprogramm der DDR. „Sophisticated“ war ihr Lieblingswort, sie mochte Geschichten mit doppeltem Boden. Sie galt als charmant und eigenwillig, keinen Tag begann die kleine, zierliche Frau ohne Frühgymnastik. Hilde Eisler konnte aufmuntern, motivieren und war dennoch oft traurig und einsam. Ihre gesamte Verwandtschaft war in den Vernichtungslagern der Nazis umgekommen. Nach dem frühen Tod ihres Mannes kam sie zu ihren MAGAZIN-Kollegen und sagte: „Ihr seid jetzt meine Familie.“-1979 ging sie in Rente. In den Nachwendejahren fand sie sich, schwerkrank, nur noch mühsam zurecht. Sie starb im Oktober 2000; beigesetzt wurde sie auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.